Die Geschichte des Kreises Greifenhagen bis 1945
Der Kreis Greifenhagen.
– von Landrat Wilhelm Kleibömer -
Der Kreis Greifenhagen führt sein kommunales Eigendasein in den gegenwärtigen Grenzen seit dem Jahre 1818. Von der großen Durchgangsstraße, die Stettin mit dem Osten verbindet, im Norden zieht er sich langgestreckt am rechten Oderufer nach Süden bis an den brandenburgischen Nachbarkreis Königsberg (Neumark) in einer größten Ausdehnung von über 45 Kilometern. Der nördliche Teil reicht bis nahe an die Tore der beiden Städte Stettin und Stargard. Er umschließt zwischen Oder und dem maränenberühmten Madüsee die Buchheide und den Mühlenbecker Forst. Nach der Mitte zu verjüngt sich der Kreis auf etwas über 15 Kilometer durch das Hineinragen des Pyritzer Kreises im Osten, um im Süden unter Umfassung des zum ehemaligen Kronfideikommiss gehörigen Wildenbrucher Forstes wieder zu einer Breite von über 25 Kilometer auszuladen.
Das Gesamtgebiet umfasst annähernd 100.000 Hektar. Es zählt über 52.000 Einwohner, die sich auf die Städte Greifenhagen, das nach der letzten Volkszählung im Jahre 1925 einer Einwohnerzahl von 8.227 aufwies, Bahn mit 2.590 und Fiddichow mit 2.362 Einwohnern und auf die 73 Landgemeinden verteilen. Die Wohndichte beträgt etwa 54 Einwohner auf 1 Quadratkilometer.
Durch den Ausbau der Oder als Großschifffahrtsweg hat der Kreis eine hervorragende Wasserstraßenverbindung nach Norden und Süden, vor allem nach der nahegelegenen Hauptstadt Stettin wie auch nach Berlin. Den Wasserverkehr bewirkt in der Hauptsache die Greifenhagener Reederei mit ihrem umfangreichen Schiffspark.
Die Staatsbahnlinie Stettin-Breslau mit ihren zahlreichen Lokalzügen zwischen Stettin und Greifenhagen erschließt den ganzen westlichen Teil des Kreises von Nord nach Süd, die Linie Stettin-Stargard den nördlichen Teil in der Westostrichtung. In Greifenhagen münden zwei Zubringerlinien der normalspurigen Greifenhagener Kreisbahn, die den östlichen Teil des Kreises im Norden von Finkenwalde über Neumark und im Süden von Wildenbruch über Bahn her erschließen.
Über die Straßen des Kreises soll an anderer Stelle berichtet werden. Ich möchte hier nur bemerken, dass der Weiterausbau des Kunststraßenetzes im südlichen Teil des Kreises als dringend notwendig anerkannt, aber einstweilen, der Not gehorchend, noch zurückgestellt werden musste.
Die Überlandzentrale Pommern, an der der Kreis als Hauptaktionär mitbeteiligt ist, versorgt das gesamte Kreisgebiet mit Licht und Kraft.
Der Kreis ist ein ganz überwiegend landwirtschaftlicher. Zwei Drittel seiner Fläche wird landwirtschaftlich genutzt. Das restliche Drittel zerfällt wiederum im Verhältnis von zwei Dritteln zu einem Drittel in Forsten (rund 20 Hektar) und im Übrigen in Hofräume, Gebäude, Ödland, Gewässer. Von den zahlreichen kleinen und großen Seen ist der bedeutendste der über 15 Kilometer lange Madüsee, der etwa zur Hälfte im Kreisgebiet liegt. Die Forste werden von drei staatlichen und einer der Hofkammer unterstellten Oberförsterei verwaltet.
Die landwirtschaftliche Nutzung geschieht vorwiegend, fast zu drei Vierteln, in bäuerlichen Betrieben. Der Rest ist Großgrundbesitz. Gebaut wird hauptsächlich Roggen, Kartoffeln, Hafer, daneben in steigendem Maße infolge der gehobenen Bodenkultur auch Gerste und Weizen. Da wir im Kreis Greifenhagen Moränenboden haben, wechseln leichte und schwere Böden in derartigem Gemisch, dass die landwirtschaftliche Nutzung erheblich erschwert wird. Reiner Weizenboden wie in dem benachbarten Pyritzer Kreis im berühmten Weizacker findet sich nicht. Eine weitere Beeinträchtigung der landwirtschaftlichen Nutzung verursacht der Mangel an Wiesen außerhalb der Oderzone, der bedingt ist durch Regenmangel im Kreis, der zu den niederschlagärmsten Gebieten im Reich gehört. Dadurch sind die Wachstumsbedingungen auch für an sich bessere Bodenklassen beeinträchtigt, geschweige für leichtere Böden, die besonders im Norden des Kreises vorherrschen. Dort macht sich deshalb der Grünlandmangel besonders bemerkbar. Umso schwerer lastet die seit Jahr und Tag in steigendem Maße auch die landwirtschaftlichen Betriebe bedruckende Wirtschaftskrise, die auf der anderen Seite auch in unserem ländlichen Kreis gleichzeitig Ausdruck und wiederum Verstärkung findet durch die Geißel der Erwerbslosigkeit. Zur Erleichterung dieser zweifachen Notlage und gleichzeitig zur Selbsterhaltung der Kommunalverwaltung bei der mühsamen und ungewohnt kärglichen, zum Leben des Gemeinwesens notwendigen Steuerzufuhr, hatte der Kreis, ähnlich wie dies auch anderwärts geschehen, den Versuch unternommen, Roggen an Steuerzahlungsstatt anzunehmen. Und zwar zu einem besseren als dem marktüblichen Preis, und daraus den Fürsorgeberechtigten verbilligtes Brot zu liefern. Dank der bereitwilligen Mitwirkung aller Beteiligten, der Gemeinden, der Landwirtschaft wie auch der Müller und Bäcker gelang es, bis zum Versiegen des für die Wirtschaft entbehrlichen Roggenvorrats dem Produzenten einen nicht unerheblichen Zuschlag zum Roggenmarktpreis (durchweg 10,50 RM) zu gewähren und das daraus hergestellte Brot an alle Fürsorgeempfänger zu 12 % verbilligt als Teilnaturableistung abzugeben. Diese Einrichtung, die zu ihrem bescheidenen Teil gezeigt hat, wie scheinbar nicht zu vereinende Interessen von Produzenten und Konsumenten nicht nur ausgeglichen, sondern unter gegebenen Umständen sogar beiderseits positiv gefördert werden können, soll zu gegebener Zeit in gleicher Weise wieder aufgenommen werden.
Von der drückenden Wirtschafsnot sind insbesondere auch die auf Veredlungswirtschaft eingestellten bäuerlichen Betriebe bei den absinkenden Preisen ihrer Produkte in steigendem Maße ergriffen worden. Auf die gemüsebauenden bäuerlichen Kleinbetriebe in den Dörfern an der Oder sind nicht verschont geblieben. In schwerste körperliche Kleinarbeit ringen dort die Bauern dem schwarzen Bruchland seine Erzeugnisse ab. Mit dem Frischgemüse wird hauptsächlich der Stettiner Markt versorgt. Die Erzeuger schaffen größtenteils einzeln ihre Produkte am frühsten Morgen auf den Dampfern der Greifenhagener Reederei zu dem Stettiner Bollwerk, legen sie dort in malerischem Bild zum Kauf aus und müssen froh sein, wenn alles Abnehmer gefunden hat und sie mit einem bescheidenen Erlös die Heimreise wieder antreten können. Versuche des Kreises, mit Unterstützung der Landwirtschaftskammer in diese von den Vätern übernommene, liebgewordene Wirtschaftsgebarung durch Zusammenfassung der Erzeugnisse und gemeinschaftlichen Verlauf im Versteigungsweg nach dem Vorbild der westlichen Fruchthöfe den Erzeugern einen ihrer Mühen und Aufwendungen angemessenen Gewinn zu sichern, haben bis jetzt zu einem Erfolgt nicht geführt.
Auch die Gemüseerzeugung unter Glas bedarf noch einer weiteren Verbreitung. Der in großem Umfang in den Oderdörfern betriebene Sellerieanbau hat in den letzten Jahren gleichfalls einen starken Abstieg in der Wirtschaftlichkeit erfahren müssen, wesentlich bedingt durch die Einschränkung der Ausführmöglichkeit und der Rückgang der Konservenindustrie, der auch bewirkt hat, dass der Obstreichtum des Kreises an dem der Kreis selber durch seine Straßenbepflanzungen führend beteiligt ist, kam mehr angemessen verwertet werden kann. In Fiddichow und einigen im Süden an der Oder gelegenen Landgemeinden wird außer Frühkartoffeln Tabak gebaut. Der Anbau hatte in den letzten Jahren stark nahgelassen, kommt aber jetzt wieder stärker auf, begrenzt allerdings durch die staatliche Kontingentierung der Anbauflächen.
Die weite Fläche zwischen den beiden mehrere Kilometer auseinander liegenden Oderarmen ist mit Wiesen bedeckt, deren Ertrag durch die großzügige Oderregulierung eine Beeinträchtigung nach Menge und Güte erfahren hat. Auch hierüber wird an anderer Stelle
ausführlicher gesprochen werden. Nicht nur die Wiesenbesitzer, sondern auch die recht zahlreiche Fischergilde in den Städten und Gemeinden am Strom klagt über wirtschaftliche Benachteiligung ihres Gewerbes durch die Folgen der Oderregulierung, die zweifellos in verkehrspolitischer Hinsicht eine wirtschaftliche Großtat bedeutet. Dabei befinden sich die Fischer wegen der Regulierung der Verbindungsgräben zwischen den Oderarmen zum Teil im Interessenwiderstreit auch mit den Wiesenbesitzern. Auch hier hat der alte Spruch Geltung, dass dem einen sin Uhl dem andern sin Nachtigal ist. Die Aufgabe, nach Möglichkeit durch die Oderregulierung entstandene Schädigung allmählich zu beheben, wird von den zuständigen Stellen, namentlich Wasserbauverwaltung und Deichamt, im engen Zusammenwirken aufmerksam und in unablässigem Bemühen verfolgt.
Der Landwirtschaft gegenüber treten die anderen Berufsstände an Bedeutung zurück. Immerhin verfügt der Kreis doch auch über bedeutsame Industrieanlagen, wenn auch mancher Betrieb der Krisenzeit zum Opfer gefallen ist. Im nördlichen Teil bestehen zwei industrielle Betriebe von großem Rang und hervorragender, auch dem Landschaftsbild ihrem Stempel aufdruckender, baulicher und technischer Ausgestaltung: die Sydowsauer Stapelfaserfabrik mit ihrer Kunstseidenherstellung und die Hohenkruger Filiale der „Feldmühle“ mit ihrer Papiererzeugung. Die erstere beschäftigt heute noch an 1.000 Arbeiter und Angestellte, die letztere 430. In Greifenhagen selbst steht noch immer die Spezialindustrie der Filzfabrikation in Blüte. Daneben bestehen Fabrikbetriebe für chemische Produkte, für Seife, für Fleischwaren. In der Nähe und im weiteren Umkreis eine Reihe von Sägewerken, Mühlenbetrieben, Ziegeleien und Kunststeinfabriken. Die Industriespezialität von Fiddichow, die Rohrgewerbefabrikation, wartet sehnsüchtig auf ein Wiederaufblühen.
In den Städten sind zahlreiche Handwerksmeister tätig und mühen sich in starkem Zunftbewusstsein, der schwierigen Lage Herr zu werden, in die auch das Handwerk mit allen anderen Volksteilen mitverstrickt worden ist.
Als Arbeiterwohnsitzgemeinden kommen die in der Großstadtnähe und im Bereich der großen industriellen Betriebe im Norden des Kreises gelegenen Gemeinden Sydowsaue, Hökendorf, Buchholz und Klütz in Betracht. Nach einigen dieser Gemeinden hat die Hauptstadt ihre Hand ausgestreckt, um sie in ihren Bereich aufzunehmen. Der jahrhundertlange Zusammenhalt von Kreis und Gemeinden hat sich diesen Wünschen gegenüber bewährt und sie ablehnen lassen. Einstweilen ruht die Eingemeindungsfrage wieder. Wir wollen unsere alten Grenzen halten.
Schwer lastet auch auf dem Kreis Greifenhagen die Sorge für die Arbeitslosen, auch wenn diese Last nicht den Umfang angenommen hat wie in anderen Kreisen mit stärkerer Arbeiterbevölkerung, eine Sorge, die z. Zt. fast alles andere zurückdrängt. Ihr zu steuern, hat der Kreis u. a. Straßenbauten durchgeführt und dabei der Arbeitswilligkeit und Arbeitsleistung auch solcher Arbeit ungewohnter Erwerbsloser gute Erfahrungen gemacht. Dem Siedlungsproblem wird größte Aufmerksamkeit geschenkt, insbesondere auch der neusten Abwandlung, der Randsiedlungen, die durch Arbeitslosigkeit wurzellos Gewordene mit dem Heimatboden wieder verbinden und ihnen dadurch neue Lebenskraft zuführen soll. Entsprechende Pläne haben bereits greifbare Gestalt gewonnen und sollen baldmöglichst in die Tat umgesetzt werden.
Es ist bislang noch gelungen, der unmittelbaren Not Herr zu werden. Die Vermögenssubstanz des Kreises brauchte dabei noch nicht angegriffen zu werden. Dabei ist es gelungen, auch in diesem Jahr einen Etat aufzustellen, der ohne Fehlbetrag abschließt und noch eine nicht unbeträchtliche Kreissteuersenkung vorsieht, ohne das darauf verzichtet werden brauchte, in dem gebotenen bescheidenen Umfang Ausgaben einzustellen zur Förderung der Volksgesundheit, wie Schwesternstationen, Schulgesundheits- und Schulzahnpflege, zur Förderung der für die Landwirtschaft so notwendigen und verdienstlichen Tätigkeit der Kreiskommission und Landwirtschaftschule, zur Förderung des Handwerks, des anerkannt vorbildlich organisierten Feuerlöschwesens und endlich auch zur Förderung kultureller Bestrebungen im Bewusstsein der Verantwortung, die wir nicht nur für die Gegenwart tragen, sondern auch für die Zukunft der Kinder, der Heimat und damit zu unserem Teil des Vaterlandes, der Verantwortung für die Erhaltung auch einer Substanz an immateriellen Gütern.
Es musste hier viel die Rede sein von den schweren Zeiten, die der Kreis wie alle deutschen Gemeinwesen durchzumachen hat, und die heute alle Gedanken beherrschen und überschatten. Nach diesem Gang durch die Schatten möchte ich doch auch noch einiges Lichte sagen. Und zwar von den Schönheiten des Kreises, die auch zu den immateriellen Gütern gehören, deren Besitz lebenswichtig ist. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.
Wer einmal vom waldigen Randhügel über das weite Stromtal geschaut hat, wenn dessen viel verschlungen silberne Bänder, auf dem helle Segel leuchten und dunkle Schleppzüge ihre kräftige Silhouette einzeichnen, die blumenübergoldeten Wiesen in Muster eines köstlichen Teppichs zerteilen; wenn die Sonne im Untergehen die Hügel jenseits des Tals in Flammenstreifen säumt; wenn Nebel einen unendlich weiten, seltsam lockenden Reigen unter opalschimmerndem Abendhimmel aufführen; wenn der vom Meer kommende Stauwind Wolken jagt und den Strom in seltsam dunkel leuchtenden Wellen widerwillig zu Berg treibt; wenn die Schmelzwasser das weite Tal in einen einzigen unheimlichen See verwandeln – wer einmal solches mit aufgeschlossenen Sinnen geschaut, bleibt von der Schönheit des Greifenhagener Stromtals gefangen. Nicht minder von der Schönheit des lieblich gewellten, fleißig bestellten Hinterlandes mit seinen malerisch eingestreuten Waldstücken, den landenden oder stillverträumten Seen, die allenthalben den Himmel widerspiegeln, und seinen schmucken Dörfern mit ihren alten, traulichen Bruchstein- und Fachwerkkirchen. Nicht zu vergessen der herrlichen Buchenwälder, der Buchheide und des Mühlenbecker Forstes, deren malerische Täler und Schluchten stets wechselnde, immer aufs Neue überraschende Ausblicke geben. Und nicht weniger schön die Wälder im Süden: der Kehrberger Forst mit seinen aus dem deutschen Waldmärchen geholten Wacholderbüschen und der seenreiche Wildenbrucher Forst an dem alten Schloss mit dem nächtigen, baumgekrönten Turm.
Dabei ist auch kurz des schönsten Bauwerks zu gedenken, das der Kreis besitzt, der alten Klosterkirche von Kolbatz, die von den Zisterziensern Ende des zwölften Jahrhunderts als reiner Backsteinbau errichtet, heute nur noch in dem hohen Chorteil kirchlichen Zwecken dient. Lemcke und nach ihm Hoogeweg bezeichnen die mit einer köstlichen Rose im Westgiebel geschmückte Kirche als „künstlerisch und kunstgeschichtlich hervorragende Klosterkirche Pommerns“.
Angesichts der Schönheiten, die der Kreis Greifenhagen in seltener Vielfältigkeit aufweist, ist die ausgeprägte Liebe seiner Bewohner zu ihrer engeren Heimat, ihre Liebe zur Scholle besonders verständlich. Gepaart mit zähem Fleiß und Tatkraft ist sie von alters her im Kreis sesshaft. Schon seit dem die Zisterzienser 1173 nach Kolbatz kamen und das sumpfige Land im weiten Umkreis in unermüdlicher Arbeit kultivierten, tüchtige Siedler nach sich zogen, selbst auch Werkstätten der verschiedensten Art errichteten und mit ihren Erzeugnissen Handel trieben. Fleiß, Zähigkeit, Genügsamkeit, Liebe zur Scholle und unbeugsamer Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen, sind Vertrauen begründende, zuverlässige Führer durch die gegenwärtige Notzeit, die auf solcher Grundlage auch der Kreis Greifenhagen durchhalten und glücklich überstehen wird.

